„Wundern Sie sich nicht, dass ich so gläubig bin“, schrieb 1887 der tschechische Komponist Antonín Dvořák (1841–1904) seinem Auftraggeber, nachdem er die „Messe in D-Dur“ vollendet hatte. „Aber ein Künstler, der nicht glaubt, vollbringt so etwas nicht.“
Zwischen persönlicher Hingabe und künstlerischer Reife
Die Worte zeigen, dass die „Messe in D-Dur“ mehr ist als ein Auftragswerk. Sie verbindet tiefen Glauben mit künstlerischer Meisterschaft und markiert einen besonderen Moment in Dvořáks Laufbahn – zwischen persönlicher Hingabe und künstlerischer Reife. Für das Publikum von heute eröffnet die „Messe in D-Dur“ die seltene Gelegenheit, Dvořák in seiner innigsten, unmittelbarsten Ausdrucksform zu erleben.
„Ich wage zu behaupten, dass die Arbeit gelungen ist.“
Der Anlass für die Messe war persönlich: Dvořáks Freund, der Architekt und Mäzen Josef Hlávka, hatte das Schloss Lužany bei Pilsen umbauen und eine Kapelle errichten lassen. Er bat Dvořák, zu deren Einweihung eine Messe zu schreiben. So entstand die „Messe in D-Dur“ in Prag von März bis Mai 1887 – unter besonderen Umständen, wie Dvořák schrieb: „Bisher schrieb ich Werke dieser Art nur in großem Ausmaß und mit großen Mitteln. Diesmal aber schrieb ich nur mit bescheidenen Hilfsmitteln. Und doch wage ich zu behaupten, dass mir die Arbeit gelungen ist“.
Hingabe zur Kirchenmusik schon als Kind
Zur Kirchenmusik hatte Dvořák eine enge Beziehung. Als Kind beeindruckten ihn die jährlichen Kirchenfeste und Messaufführungen. Sie weckten sein Verlangen, ein „echter Musiker“ zu werden. So arbeitete er als Klavierlehrer und Bratschist in einem Privatorchester und wurde im Alter von etwa 30 Jahren als Organist und Komponist an der Pfarrkirche St. Adalbert zu Prag angestellt.
Dvořáks dritte Messe ist die einzig erhaltene
Schon vor der „Messe in D-Dur“ hatte Dvořák zwei weitere Messen geschrieben: eine in B-Dur und eine in f-moll. Beide sind jedoch verschollen. Über die Gründe wird spekuliert. Manche halten Dvořák für so selbstkritisch, dass er frühe Produktionen selbst vernichtet habe. Dafür sprechen seine eigenen Worte: „Wenn wir sonntags Buchten (eine böhmische Mehlspeise, Anm. d. Red.) haben sollten, wandte sich das Dienstmädchen stets vertrauensvoll an mich. Papier zum Feuermachen war bei mir stets zu haben!“
Ein bescheidener Musiker, der Weltruhm erlangte
Dvoˇrák gab sich mit wenig zufrieden. Als „bescheidenen, stillen Organisten von St. Adalbert“ beschrieb ihn der tschechische Komponist Josef Bohuslav Foerster (1859–1951). Sein „Stabat Mater op. 58“ machte Antonín Dvořák ab 1880 berühmt. Bald erlangte er internationales Renommee, besonders in England und den USA. Es folgten weitere geistliche Werke, etwa das „Requiem op. 89“ im Jahr 1890 sowie 1892 das „York Te Deum op. 103“.
„Messe in D-Dur“: vom persönlichen Werk auf dem Lande …
Während seines Aufstiegs brachte Dvořák die „Messe in D-Dur“ im September 1887 erstmals zur Aufführung. Doch der Rahmen war alles andere als eine Weltbühne – in der Kapelle auf dem Land, mit kleinem Chor, Solistenquartett und Orgel. Hlávkas Ehefrau Zdenka sang den Sopran, Dvořáks Ehefrau Anna übernahm die Alt-Partie. Die „Messe in D-Dur“ war ein Werk für einen Freund, nicht für den Kommerz.
… auf die Bühnen der Welt, pompös orchestriert
Dvořáks Musikverlag lehnte eine Veröffentlichung ab: „Es kauft ja niemand mehr eine Messe. Und die paar Vereine, die das Werk etwa aufführen, sind nicht nennenswert den Kosten gegenüber.“ Das sollte sich bald ändern.
Ein Londoner Verleger zeigte Interesse, wünschte aber eine pompösere Fassung. Dvořák überarbeitete sein Werk und orchestrierte es. 1893 wurde die „Messe in D-Dur“ in neuer Fassung in London uraufgeführt und gefeiert. Von dort fand sie den Weg in die Konzertsäle Europas und erreichte ähnliche Bekanntheit wie seine weiteren geist-
lichen Kompositionen.
Heute im Original: innig und persönlich
Der Berliner Oratorien-Chor bringt heute die ursprüngliche Fassung für Kapelle und Orgel auf die Bühne – so, wie Dvořák sie für seinen Freund Hlávka und dessen Familie im Pilsener Land geschrieben hatte. Das Werk erklingt so intim und persönlich, wie es ursprünglich konzipiert war: voller Dankbarkeit und Glauben.
Die Orgel wird zur Solistin
Das Besondere: Die Orgel tritt als eigenständige Solistin auf. Sie entfaltet gegenüber dem Vokalsatz eine eigene Motivik; manche sprechen sogar von einer „symphonischen Komposition“ des Orgelparts. Damit unterscheidet sich die „Messe in D-Dur“ von vielen anderen kirchenmusikalischen Werken des 19. Jahrhunderts, die meist stark vokal geprägt und eng an den Text der Liturgie gebunden waren.
… und vermittelt Dvořáks tiefe Dankbarkeit
In ihrer innig-persönlichen Fassung bringt die „Messe in D-Dur“ Dvořáks tiefe Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer zum Ausdruck. Sie macht seine religiösen Empfindungen hörbar – so, wie er es auch mit der handschriftlichen Signatur vieler Werke tat. Er unterschrieb mit „Bohu díky“, zu Deutsch „Dank sei Gott“.




