1857 kam Edward Elgar in einem Dorf in den englischen Western Midlands zur Welt – nordwestlich von London, im Herzen Englands. Die Nähe zur Musik war ihm in die Wiege gelegt, denn sein Vater handelte mit Musikinstrumenten und Zubehör.
Musiker und Autodidakt von klein auf
Der kleine Edward versuchte sich an den Instrumenten, stibitze Notenbücher und studierte sie nachts unter der Bettdecke. Wenn er mit seinem Vater im Pferdefuhrwerk zu wohlhabenden Familien fuhr, um deren Klaviere zu stimmen, durfte Edward auf den Instrumenten zeigen, was er konnte. Später liebäugelte er mit einem Studium an der Leipziger Musikhochschule, doch dieses war viel zu teuer. So blieb Edward Elgar Autodidakt. Abgesehen von gelegentlichem Geigenunterricht brachte er sich die Musik selbst bei.
Ein paar Schillinge mit Musikunterricht, Chören und Orchestern
Der erlernte Beruf des Notargehilfen hätte kaum weniger zu Elgar passen können. So fand der junge Musiker Wege, mit seiner Leidenschaft Geld zu verdienen: Er unterrichtete Violine, spielte Fagott, folgte seinem Vater an die Kirchenorgel in Worcester, leitete Gesangskreise und dirigierte mit 22 Jahren ein Orchester, in dem Pflegekräfte für Patienten musizierten. Für jede Polka und Quadrille, die er komponierte, erhielt er ein paar Schillinge. So wurde der Name Edward Elgar bis nach Birmingham bekannt. Er spielte bei Festivals wie dem Three Choir Festival – dem ältesten bis heute bestehenden Klassikfestival der Welt.
Gehversuche in London blieben ohne Erfolg
1889 heiratete Edward Elgar seine Klavierschülerin Alice. Sie erkannte das Genie ihres Mannes, unterstützte ihn unerschütterlich und ermöglichte den Umzug nach London. Dort entstanden Lieder, Violinstücke und Orgelwerke, doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Das Paar zog zurück nach Worcestershire.
„Lasst ihn weitermachen“
1890 bekam Elgar einen Auftrag für das Three Choir Festival, und seine Orchesterouvertüre „Froissart“ beeindruckte Publikum und Presse. Der Daily Telegraph schrieb: „Lasst ihn weitermachen. Er wird eines Tages ankommen.“ Bis dahin sollten allerdings noch zehn weitere Jahre vergehen, in denen Elgar unermüdlich arbeitete. Unter anderem entstanden in dieser Zeit die „Scenes of the Bavarian Highlands“. Die Elgars liebten die Berge Süddeutschlands. Laut dem Forscher Florian Czismadia beschrieb Elgar die Jahre vor seinem Durchbruch so: „Ich brenne vor lauter Arbeit und komponiere wie wild“.
Ein Abend im depressiven Tief brachte die Idee
Ende 1898 befand sich Elgar in einem emotionalen Tief. Nach einem Arbeitstag als Geigenlehrer entspannte er am Klavier und improvisierte. Eine Melodie gefiel Alice so gut, dass Elgar begann, sie zu variieren, um seine Frau zu unterhalten. Jede Variation erinnerte an bestimmte Bekannte – darunter seine Frau, Elgar selbst und sein Verleger Augustus Jaeger. Jaeger war ein Freund, den Elgar humorvoll „Nimrod“ nannte, in Anlehnung den „gewaltigen Jäger vor dem Herrn“ aus der Bibel. Die berühmte neunte Variation, ein zutiefst emotionales Werk, trägt ebenfalls diesen Namen. Sie erinnert an das Gespräch, in dem Jaeger den depressiven Elgar ermutigte, weiter zu komponieren.
„Enigma Variations“ – ein ungelöstes Rätsel
Insgesamt entstanden 14 Variationen. Elgar gab ihnen den Titel „Enigma“, also „Rätsel“. Der Grund: Er behauptete, allen Variationen liege ein geheimnisvolles Thema zugrunde, das sich durch das Werk ziehe, ohne je gespielt zu werden. Bis heute ist dieses Rätsel ungelöst.
… deren Qualität Hans Richter erkannte
Einflussreiche Persönlichkeiten aus Elgars Umfeld – manche sagen, Jaeger selbst – schickten die Partitur an den berühmten österreichischen Dirigenten Hans Richter. Dieser war Musikdirektor der Wiener Philharmoniker und hatte bereits Werke von Brahms und Wagner uraufgeführt. Zu dieser Zeit dirigierte Richter unter anderem das London Philharmonic Orchestra und erkannte sofort die Qualität von Elgars Komposition.
Ruhm über Nacht
1899 wurden die „Enigma Variations“ unter Richters Leitung in der St. James Hall in London uraufgeführt. Über Nacht etablierten sie Elgar als führenden englischen Komponisten, gefeiert für seine meisterhafte Orchestrierung und emotionale Tiefe. Es folgten Aufführungen in Europa und den USA. Ein Jahr später entstand „The Dream of Gerontius“.
„Der Dank Englands prasselte auf den Komponisten herab“
Ab 1901 schuf Elgar ein weiteres Meisterwerk: die „Pomp and Circumstance Marches“. 1902, bei der Krönung von Edward VII., wurde der erste Marsch aus der Reihe gespielt. Er machte Elgar über die klassische Musikwelt hinaus populär und gilt bis heute als Englands heimliche Nationalhymne. Seither „prasselte der Dank des Vaterlandes auf den Komponisten herab“, wie die deutsche Wochenzeitung „DIE ZEIT“ schrieb. „Er bekam akademische Grade, einen Adelstitel und ein dreitägiges Festival mit seiner Musik in Covent Garden.“
Endlich angekommen
Nach seinem Durchbruch wurde Elgar 1904 zum Ritter geschlagen und feierte 1908 mit der ersten Sinfonie einen Welterfolg. Es folgten Meisterwerke wie das Violinkonzert (1910) und die zweite Sinfonie (1911). Als einer der ersten großen Komponisten spielte er seine eigenen Werke für das Grammophon ein.
Zäsur im Ersten Weltkrieg
Bis 1914 blieb Elgars Schaffenskraft ungebrochen. Doch der Erste Weltkrieg markierte eine Zäsur. Elgar schrieb: „Ich kann keine wirkliche Arbeit tun, mit dem schrecklichen Schatten über uns.“ Erst nach Kriegsende konnte er wieder komponieren.
Elgar erkannte das Ende seiner Ära
1919 vollendete er sein berühmtes Cellokonzert. Als hätte er geahnt, dass dies sein letztes großes Werk sein würde, notierte er ans Ende der Partitur: „Finis.R.I.P.“, auf Deutsch „Es ruhe in Frieden“. Im Gegensatz zu anderen Komponisten seiner Generation hatte Elgar begriffen, dass seine Ära vorüber war. Die viktorianisch-edwardianische Welt, die er musikalisch begleitet hatte, gab es so nicht mehr. Über das Cellokonzert sagte der Komponist Ian Parrott: „Es ist ein eigenartiges Werk, komponiert von einem einsamen Mann in der Kriegszeit, der begreift, dass die künstlerischen Werte seiner Welt sich unwiderruflich geändert haben“.
Alices Tod und unvollendete Werke in den 1920ern
Kurze Zeit nach der Aufführung des Cellokonzertes erkrankte Alice schwer und starb 1920. Elgar zog sich danach weitgehend aus dem öffentlichen Musikleben zurück. Nur noch einmal flammte seine Schaffenskraft auf, als er eine dritte Sinfonie und die Oper „The Spanish Lady“ plante. Beide blieben unvollendet. Elgar starb 1934 nach kurzer, schwerer Erkrankung.
Einzigartige Begegnung mit Yehudi Menuhin
Zwei Jahre vor seinem Tod begegnete Elgar dem jugendlichen Violin-Virtuosen Yehudi Menuhin. Dieser war damals 16 Jahre alt und hatte Elgars Violinkonzert als Solist gespielt. Menuhin erinnerte sich noch Jahrzehnte später an „die lyrische Schönheit der Landschaft, die Grüntöne des englischen Sommers, den Humor, den Stolz und den Charme dieses Volkes“, die er beim Konzert gespürt habe. Damals erklärt er Edward Elgar zu seinem musikalischen Großvater.
Die einzigartige Begegnung ist im Original überliefert und als historische Grammophon-Einspielung dokumentiert. Man kann sie also auch heutzutage noch anhören.




